2 Erfahrungsberichte

Lieber Rudi,

dein Kurs in Aschau liegt schon wieder einige Wochen zurück, zwischenzeitlich habe ich noch Urlaub gemacht, war mit dem Boot auf Elbe und Havel unterwegs. Nun bin ich wieder in Berlin angekommen, und noch immer wirkt die Woche in Aschau nach.

Im Nachhinein betrachtet sehe ich in deinem Kurs nicht nur viele Parallelen zum Leben an sich, sondern auch zu meiner täglichen Beratungs-Arbeit, in der ich Menschen bei der Veränderung von schwierigen Lebenssituationen begleite.

Einen solchen Veränderungsprozess habe ich nun selbst beim Arbeiten mit dem Stein sinnlich/körperlich erlebt und im wahrsten Sinne “begriffen”.

Alles beginnt damit, sich Zeit zu nehmen und sich einzulassen auf etwas Ungewisses, auf etwas, was noch gar nicht klar vor einem liegt. Es geht darum, nach innen zu horchen, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, zu spüren, was da ist und darauf zu vertrauen, dass sich etwas entwickeln wird.

Ich betrachte “meinen” Stein, sehe die unterschiedlichen Färbungen, die Zeit und Witterung hinterließen, begreife ihn in seiner Einzigartigkeit und Stabilität, die etwas verkörpert, was alle Zeit überdauert, ich spüre das Potential, dass er in sich birgt.

Parallelen zum Leben drängen sich auf.
Auch dieses hat Spuren hinterlassen …

Und dann mache ich mich auf den Weg, schlage mir buchstäblich einen Weg durch die Masse, erlebe dabei unterschiedliche Emotionen, bin zögernd noch am Anfang, spüre das ungewohnte schwere Handwerkszeug, schlage auch mal daneben, bis ich mehr Sicherheit gewinne.

Plötzlich geht es wie von selbst, das Gefühl stellt sich ein, auf dem Weg zu sein, es gibt kein richtig oder falsch, es ist wie es ist, alles ist im Fluss.

Dann immer wieder auch Phasen, wo es stockt, wo es nicht weitergeht, keine Idee, kein Impuls kommt (was mache ich da eigentlich?). Diese Zweifel und die Unsicherheit gilt es aushalten, auch das gehört dazu. Statt dann blind zu agieren und weiter zu schlagen, nehme ich mir lieber eine “Auszeit”, trinke Kaffee, plausche mit den anderen, betrachte dabei meinen Stein aus einem Abstand, nehme ihn aus einer anderen Perspektive wahr, absichtslos, ohne etwas bestimmtes zu wollen, dann der Impuls ihn zu drehen, eine andere Wahrnehmung, und plötzlich geht es weiter, ein neuer Impuls. Etwas entsteht, etwas eigenes, nicht etwas, was andere vorgeben (mach doch mal dies oder das), sondern etwas ganz individuelles, authentisches, und die Erkenntnis, dass ich selbst die Gestalterin meines Steins und – im übertragenen Sinn – meines Lebens bin, niemand anderes.

Ich möchte dir – Rudi – danken für deine Begleitung während des Kurses. Du versteht es, eine Atmosphäre zu schaffen und Raum zu geben, der es ermöglicht, das Beste aus sich herauszuholen. Du bist präsent und verstehst es, dich zurückzunehmen und Anregungen zu geben, ohne dich aufzudrängen. Ich schätze sehr deine Haltung, nicht zu werten oder zu interpretieren. Das ist “Leitung” in ihrer besten Form!

Anette Harms-Böttcher

 

 

Der Steinbildhauerkurs bei Rudolf Söllner in Aschau liegt nun schon wieder drei Tage hinter mir und ich spüre, dass er noch sehr lange nachwirken wird. Der Titel ist Programm und gleichzeitig Rangordnung: Stein-Bild-Hauer-Kurs…

Stein
Der Stein ist das Zentrum der drei Tage, klug ausgewählt das Material für den Anfänger, feine Struktur, leicht zu bearbeiten, dennoch schon beim Aufstellen auf die Staffelei imponiert er durch sein Gewicht, von wunderbarer Farbe zwischen weiß und beige, mit Einschlüssen von Muscheln macht er klar, woher er kommt – aus dem Meer: Pietra Leccese. Er nimmt dich sofort gefangen und inspiriert den Planlosen zu einer Idee, lehrt dich mit den Werkzeugen umzugehen, vermittelt dir wie von selbst einen Arbeitsrhythmus, schont die Gelenke und die Muskulatur, frustriert nicht durch Sprödigkeit und häufiges Nachschleifen des Werkzeugs, hat aber anders als Ytong eine hohe Dichte und bei aller Zartheit eine erstaunliche Festigkeit. Einen besseren Lehrmeister gibt es wohl nicht.

Bild
Bild und Idee werden nicht vorgegeben, es entsteht in dir beim ersten Kontakt mit dem Stein. Rudolf Söllner unterscheidet drei Teilnehmergruppen: planlos Freie, solche mit einer noch unscharfen Vorstellung des Werkes und die mit dem genauen Konzept. Jeder allein mit seiner Vorstellung bildet nun – viele zum ersten Mal in drei Dimensionen. Kein Aufdrängen von Vorstellungen, kein hochgehängtes, ehrgeiziges Ziel, man fühlt, als arbeite man allein, doch Hilfe ist auf Wunsch immer da, technisch, gestalterisch oder beim Wegschaffen großer Gesteinsmassen. Es wächst das Bewusstsein: Ich gestalte.

Hauer
Kleine Werkzeuglehre, große Werkzeugauswahl, wir arbeiten in der frischen Luft, Pausen nach Bedarf mit frischem Kaffee, Süßem für neue Körperkräfte. Die Mitstreiter nehmen nach dem Vorbild von Rudolf Söllner dezent und fragend, nicht urteilend untereinander Kontakt auf. So entsteht ohne straff organisierte Vorstellungsrunde eine lockere Gruppe, in den Pausen wird Biographisches, sogar sehr Persönliches ausgetauscht. Viel Zeit ist dafür nicht, denn alle haben das Ziel, das innere Bild zu realisieren, konzentriertes Arbeiten dominiert, dadurch entsteht Glücksgefühl, insbesondere zum Ende der drei Tage lösen sich Spannung und auch die Gesichtszüge, viele strahlen.

Kurs
Gute Vorabinformationen, ein umfangreicher Internetauftritt, freundliche Hinweise zu Anreise und Unterbringungsoptionen vermeiden allzu hohe Spannung und falsche Erwartungen vor Kursbeginn. Rudolf Söllner startet mit einer erfreulich knappen Einleitung mit geschickten Fußnoten zur eigenen Biographie. Mit Hinweis auf die unkonventionellen Arbeitstechniken von Alfred Hrdlicka wird die Angst vor technischem Unwissen genommen.
Ein bisschen ist es wie in der Montessori-Pädagogik: Wir kommen in eine gut vorbereitete Umgebung, Ausstattung und Umgebung sind dem Lerner angemessen, es herrscht eine lässige aber erkennbare äußere Ordnung, das Material spielt, wie bereits gesagt eine zentrale Funktion.

Mit der eigenen langjährigen Erfahrung als Leiter einer Akademie für Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Zusammenarbeit mit vielen Hundert Dozenten beeindruckt mich Rudolf Söllner mit seiner seltenen Fähigkeit, Individualität zu fördern und Lernprozesse nicht vorzugeben, sondern diese abzuwarten und dann zu unterstützen, also auf Augenhöhe als Coach zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob er sich darin wiederfindet, er wäre ein guter Schüler Laotses gewesen: „Der Weise tut nichts, doch bleibt nichts ungetan“.

Dr. Bodo Pfeiffer